Warum Serien funktionieren (und wann nicht mehr)
Eine Serie funktioniert, weil sie Regelmäßigkeit sichtbar macht und es zu einem eigenen Ziel wird, sie zu halten. Derselbe Mechanismus kann aber schaden: Nach einer gerissenen Serie machen Menschen seltener weiter – vor allem, wenn sie sich den Ausfall selbst zuschreiben. Helfen können eine niedrige tägliche Messlatte, eine Absicherung für Ausfälle und ein Buddy.
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Was die Forschung über Serien weiß
Eine Serie (englisch Streak) ist die Zahl der Tage in Folge, an denen du etwas tust. Viele Apps – etwa zum Sprachenlernen oder für Schritte – heben sie hervor und melden sich, wenn sie reißt. Funktioniert das?
Die direkteste Antwort liefert die Arbeit von Silverman und Barasch (2023), die in sieben Studien untersucht, wie Serien in einer App das weitere Verhalten beeinflussen. Das Hauptergebnis: Zeigt der Verlauf eine ununterbrochene Serie, machen Menschen eher weiter, als wenn er eine unterbrochene zeigt. Und zwar auch dann, wenn sie tatsächlich genau dasselbe getan hatten – anders war nur, was sie im Verlauf sahen.
Im Alltag: 7.000 Schritte am Tag
Die erste Studie lief während einer 30-tägigen Bewegungs-Challenge für die Beschäftigten einer Universität. Ziel waren mindestens 7.000 Schritte am Tag, und die App zeigte, an wie vielen Tagen in Folge man das schaffte. 980 Personen machten mit. Sie erreichten das Ziel häufiger an Tagen mit intakter Serie als am Tag nach einem Abriss – auch wenn man berücksichtigt, wie oft jemand das Ziel insgesamt erreichte.
Silverman und Barasch weisen selbst darauf hin, dass es sich um eine Beobachtung handelt: Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Wer eine Serie hat, ist vielleicht einfach motivierter.
Im Experiment: gleiche Leistung, anderer Verlauf
Deshalb veränderten die weiteren Studien die Serien gezielt. In einer davon machten 601 Erwachsene aus einem Online-Panel dieselben vier Kraftübungen. Bei der einen Gruppe trug die App vier Häkchen in Folge ein, bei der anderen hatte sie die letzte Übung angeblich „nicht geladen“ und zeigte ein Kreuz.
Für eine weitere Kraftübung statt Dehnen entschieden sich danach 66,23 % der Personen mit ununterbrochener Serie und 57,86 % mit unterbrochener. Die Leistung war gleich, nur das Bild war anders.
Silverman und Barasch erklären das so: Die Serie zu halten, wird zu einem eigenen Ziel. Es geht dann nicht mehr nur um Bewegung, sondern auch darum, „sie nicht abreißen zu lassen“.
Drei Gründe, warum Serien ziehen
1. Regelmäßigkeit wird sichtbar
Ein Tag Bewegung ändert nichts, und niemand würdigt ihn. Die Zahl 23 zeigt aber, dass etwas passiert. Eine Serie macht aus unsichtbarer Regelmäßigkeit etwas, das man zählen kann – und das man verlieren kann.
2. Verlieren tut mehr weh, als Gewinnen freut
Kahneman und Tversky (1979) beschrieben in ihrer Prospect Theory (Neuen Erwartungstheorie), dass wir Verluste stärker empfinden als gleich große Gewinne. Untersucht haben sie vor allem Entscheidungen über Geld, auch wenn sie damit rechneten, dass das Prinzip auch anderswo gilt. Es liegt nahe, das auf Serien zu übertragen: 40 Tage in Folge zu verlieren, tut mehr weh, als Tag 41 Freude macht.
Ob genau das hinter der Wirkung von Serien steckt, ist aber nicht sicher. Silverman und Barasch erwähnen die Verlustaversion nur am Rande, als einen von mehreren möglichen Mechanismen, die weiter erforscht werden müssen.
3. Ein nahes Ziel zieht
Kivetz, Urminsky und Zheng (2006) beobachteten eine Treuekarte nach dem Muster „10 Kaffee, 1 gratis“ in einem Café an einer US-Universität. Je näher die Kundschaft der Belohnung kam, desto öfter schaute sie vorbei: Zwischen dem ersten und dem letzten Stempel verkürzten sich die Abstände zwischen den Käufen im Schnitt um 20 % (0,7 Tage).
In derselben Arbeit bekamen 108 Personen entweder eine normale Karte mit 10 Stempelfeldern oder eine Karte mit 12 Feldern, auf der schon zwei Stempel geschenkt waren. Die zweite Gruppe brachte die nötigen zehn Käufe in 12,7 Tagen statt in 15,6 zusammen. Das Gefühl, ein Stück des Weges schon hinter dir zu haben, wirkt – auch wenn es ein bisschen Illusion ist.
Weil eine Serie selbst kein Ende hat, übernehmen Meilensteine die Rolle des nahen Ziels – etwa 7, 30, 50 oder 100 Tage. Das hat aber einen Haken: Kivetz u. a. beobachteten, dass die Käufe nach dem Einlösen der Belohnung wieder langsamer wurden und erst auf die nächste hin wieder schneller. Für Meilensteine in Serien ist das nicht belegt, aber mit einem kleinen Durchhänger nach einem großen Meilenstein solltest du rechnen.
Wann Serien nicht mehr funktionieren
Wenn Abreißen das Ende bedeutet
In den Experimenten machten Menschen nach einer unterbrochenen Serie seltener weiter als mit einer ununterbrochenen. In der Studie mit einer Vokabel-App ging es um die Wahl zwischen Weiterlernen und einem unterhaltsamen Video. Fürs Lernen entschieden sich 65,84 % der Personen mit ununterbrochener Serie, 54,73 % ganz ohne Verlauf und 47,98 % mit unterbrochener Serie. Dass eine unterbrochene Serie sogar im Vergleich zu gar keinem Verlauf schadet, ist aber nur ein Hinweis – dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant.
Viel hängt davon ab, wem man den Ausfall zuschreibt. In einem Online-Zahlenspiel machten 53,17 % der Personen mit ununterbrochener Serie weiter, 42,00 % derjenigen, deren Serie etwas außerhalb ihres Einflusses unterbrochen hatte (das Spiel war nicht verfügbar), und nur 28,87 % derer, deren Serie riss, weil sie ein schweres Spiel nicht geschafft hatten. Der Unterschied zwischen den ersten beiden Gruppen lag an der Grenze der Signifikanz, der Einbruch bei „eigener Schuld“ war deutlich.
Die Gewohnheit selbst zerstört ein einzelner Ausfall dabei nicht. In der Studie von Lally u. a. (2009) beeinflusste eine verpasste Gelegenheit die Gewohnheitsbildung nicht wesentlich. Das größere Risiko liegt also wohl nicht im verpassten Tag, sondern darin, wegen einer kaputten Zahl ganz aufzuhören. Wie du nach einem Ausfall zurückkommst, steht im Artikel Tag verpasst? Warum ein Ausrutscher deine Gewohnheit nicht zerstört.
Wenn du dich für den Zähler bewegst
Wird die Zahl zum Selbstzweck, kann sie den Grund verdrängen, aus dem du mit der Bewegung anfängst. Welchen Wert eine Serie an sich hat, zeigt ein Detail aus dem erwähnten Online-Zahlenspiel: Fast die Hälfte der Leute gab an, sich eine Werbung anzusehen, um die Serie zu halten bzw. zu reparieren (45 % bzw. 43 %).
Etkin (2016) untersuchte, was das Messen selbst mit der Freude an angenehmen Tätigkeiten macht. In einem Experiment trugen Studierende einen Tag lang einen Schrittzähler – die einen mit offener Anzeige, die anderen mit abgeklebter (ausgewertet wurden 91 von 95 Teilnehmenden). Wer die Schritte sah, ging mehr, hatte aber weniger Spaß am Gehen. Es ging um einen einzigen Tag und nur um Studierende, also eher ein Warnsignal: Ein Zähler kann aus etwas Angenehmem Arbeit machen.
Wenn dir die Zahl Angst macht
Je länger die Serie, desto mehr steht auf dem Spiel. Dann kann es passieren, dass jemand abends mit Fieber noch „Schritte nachholt“ oder einen Ausflug absagt, weil das Ziel sonst nicht zu schaffen wäre. Dann dient nicht mehr die Serie dir, sondern du ihr.
Bei Krankheit oder Verletzung haben Gesundheit und ärztlicher Rat Vorrang, nicht der Zähler.
So stellst du eine Serie ein, die dir hilft
Eine Messlatte für schlechte Tage
Das Tagesziel sollte auch an Tagen machbar sein, an denen alles zu viel ist. Silverman und Barasch schlagen vor, eher mehr Arten von Aktivität für die Serie zählen zu lassen als weniger. Sie räumen aber auch ein, dass zu lockere Regeln der Serie ihre Bedeutung nehmen können. Gesucht ist also eine Messlatte, die niedrig ist, aber nicht null.
Eine Absicherung für Ausfälle
Im letzten Experiment von Silverman und Barasch bekam ein Teil der Personen mit unterbrochener Serie die Möglichkeit, sie zu reparieren. Weiter machten 93,14 % mit ununterbrochener Serie, 68,66 % mit unterbrochener und 85,20 % mit unterbrochener, aber reparierbarer Serie. Die Reparatur milderte den Einbruch, auch wenn sie ihn nicht ganz aufhob. Auch hier ging es um ein Online-Spiel, nicht um Bewegung.
Die Absicherung braucht aber eine Grenze. Könnte man unbegrenzt nachholen, würde die Serie nichts mehr bedeuten.
Ein Buddy statt eines Zählers
Eine Serie zu zweit bringt eine Verpflichtung gegenüber jemand anderem mit. Eine Studie direkt zu gemeinsamen Serien haben wir nicht gefunden, Bewegungsspiele mit sozialen Elementen wurden aber getestet. An der randomisierten Studie BE FIT nahmen 200 Erwachsene aus 94 Familien in den USA teil (Durchschnittsalter 55 Jahre). Alle hatten ein tägliches Schrittziel und bekamen Feedback. Die Familien in der Spielgruppe spielten zusätzlich zwölf Wochen lang ein Spiel mit Punkten und Levels, das auf Zusammenarbeit, gegenseitiger Verantwortung und Unterstützung aufbaute. Die Spielgruppe erreichte ihr Ziel an 53 % der Tage, die Kontrollgruppe an 32 %. Nach dem Ende des Spiels wurde der Unterschied kleiner, blieb aber bestehen (44 % gegenüber 33 %).
Der Vollständigkeit halber: In einer anderen Studie desselben Teams (STEP UP, 602 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas) steigerte ein Wettbewerb die Schrittzahl am stärksten – in der Wettbewerbsgruppe kamen pro Tag 920 Schritte mehr dazu als in der Kontrollgruppe, in der Kooperationsgruppe 637. Nur beim Wettbewerb blieb der Effekt auch nach dem Ende des Spiels signifikant. Wenn dich Wettbewerb mehr reizt, probier eine Schritte-Challenge mit Freunden.
Auf diesen Prinzipien baut auch Tada! auf: Ein Tag ist mit 6.000 Schritten oder 20 Minuten Training geschafft. Ein Freeze hält die Serie automatisch für einen Tag, der nicht geklappt hat (in der kostenlosen Version einer pro Monat; der Tag zählt nicht mit), und ein nicht geschaffter Tag lässt sich innerhalb von 48 Stunden reparieren – immer nur einer. In einer gemeinsamen Serie sieht dein Buddy nur deinen Spitznamen, deine Farbe und ob du den heutigen Tag geschafft hast. Weder Schritte noch Minuten.
Eine Serie, die auch schlechte Tage aushält Tada! zählt aktive Tage – mit einer Messlatte, die du auch an anstrengenden Tagen schaffst, und mit einer Absicherung für Tage, an denen es nicht klappt. Zu zweit läuft’s besser. Für iPhone herunterladen
Wie lange es dauert, bis du die Serie nicht mehr brauchst und Bewegung zur Gewohnheit wird, steht im Artikel Wie lange dauert es, eine Gewohnheit aufzubauen? Nicht 21 Tage. Und wenn deine Serie gerade mit dem neuen Jahr beginnt, hilft Neujahrsvorsatz Sport: Wie du auch nach dem Januar dranbleibst.
Häufige Fragen
Was ist besser: eine Serie oder ein Wochenziel?
Das hängt vom Typ ab. Eine tägliche Serie ist einfach und gut sichtbar, aber anfällig für Ausfälle. Ein Wochenziel ist lockerer. Silverman und Barasch nennen längere Zeiträume als einen Weg, Serien robuster zu machen.
Was tun, wenn die Serie reißt?
Gleich am nächsten Tag weitermachen und nichts nachholen. Ein verpasster Tag zerstört keine Gewohnheit. Mehr im Artikel Tag verpasst?
Quellen
- Silverman, J., Barasch, A. (2023, online 2022). On or off track: How (broken) streaks affect consumer decisions. Journal of Consumer Research, 49(6), 1095–1117. doi:10.1093/jcr/ucac029
- Kahneman, D., Tversky, A. (1979). Prospect theory: An analysis of decision under risk. Econometrica, 47(2), 263–291. doi:10.2307/1914185
- Kivetz, R., Urminsky, O., Zheng, Y. (2006). The goal-gradient hypothesis resurrected: Purchase acceleration, illusionary goal progress, and customer retention. Journal of Marketing Research, 43(1), 39–58. doi:10.1509/jmkr.43.1.39
- Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., Wardle, J. (2010, online 2009). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009. doi:10.1002/ejsp.674
- Etkin, J. (2016). The hidden cost of personal quantification. Journal of Consumer Research, 42(6), 967–984. doi:10.1093/jcr/ucv095
- Patel, M. S., Benjamin, E. J., Volpp, K. G., u. a. (2017). Effect of a game-based intervention designed to enhance social incentives to increase physical activity among families: The BE FIT randomized clinical trial. JAMA Internal Medicine, 177(11), 1586–1593. doi:10.1001/jamainternmed.2017.3458
- Patel, M. S., Small, D. S., Harrison, J. D., u. a. (2019). Effectiveness of behaviorally designed gamification interventions with social incentives for increasing physical activity among overweight and obese adults across the United States: The STEP UP randomized clinical trial. JAMA Internal Medicine, 179(12), 1624–1632. doi:10.1001/jamainternmed.2019.3505
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